
Was ist RCAU?
RCAU beschreibt, ob Mikroorganismen nach korrekter Anwendung eines Desinfektionsverfahrens überhaupt noch weiter wachsen können – und hilft so, praktische Relevanz besser zu beurteilen.
RCAU steht für Replication Capacity After Use. Im Zentrum steht nicht nur die Frage, wie stark ein Wirkstoff im Labor reduziert, sondern ob unter den empfohlenen Anwendungsbedingungen nach der Maßnahme noch eine praktisch relevante Vermehrung möglich ist.
Warum braucht es RCAU?
Labor / Standardisierte Bedingungen
- Kontrollierte Temperatur und Luftfeuchtigkeit
- Exakte Dosierung und Einwirkzeit
- Definierte Prüforganismen
- Reproduzierbare Testbedingungen
Praxis / Reale Bedingungen
- Zeitdruck und Personalwechsel
- Manuelle Prozesse und variable Benetzung
- Unterschiedliche Materialien und Oberflächen
- Lücken in Schulung und Dokumentation
Klassische Bewertungen fokussieren oft stark auf die Abtötungsleistung im Labor. Im Alltag entscheiden aber zusätzlich Faktoren wie Dosierung, Einwirkzeit, Benetzung, Material, Textil, Schulung und Prozessdisziplin. RCAU setzt genau an dieser Lücke an: zwischen validierter Chemie und realer Anwendung.
Die Grundidee von RCAU
RCAU beschreibt die Fähigkeit von Mikroorganismen, nach Exposition unter empfohlener Anwendungskonzentration und Einwirkzeit noch zu replizieren. Es geht damit um einen anwendungsbezogenen Endpunkt.
Desinfektionsanwendung
Exposition unter empfohlener Konzentration & Zeit
Kann noch repliziert werden?
Bewertung: nicht-kritisch oder kritisch
Nicht-kritischer RCAU
Vereinzelte Überlebende ohne reproduzierbaren Wirkverlust.
Kritischer RCAU
Die geforderte Reduktion wird unter standardisierten Testbedingungen nicht mehr erreicht.
Kurz gesagt: Nicht jeder überlebende Keim ist automatisch ein relevantes Wirksamkeitsproblem.
Was zeigt die Veröffentlichung von Kramer et al. 2026?
Das Paper schlägt RCAU als neuen, transparenten Bewertungsrahmen vor. Berichte über Überleben, Toleranz oder Adaptation müssen danach neu eingeordnet werden.
Kein generelles Wirkstoffproblem
Kein allgemein bestätigtes Resistenzproblem unter korrekter Anwendung
Anwendung entscheidet über Erfolg
Fehler entstehen oft im Prozess, nicht im Produkt
„Die praktische Wirksamkeit entscheidet sich nicht allein am Wirkstoff, sondern an der Qualität der Anwendung."
Was RCAU ist – und was nicht
RCAU ist
- Ein wissenschaftlich abgeleitetes Bewertungskonzept
- Eine Denk- und Reflexionshilfe für reale Anwendungsrisiken
- Ein Brückenmodell zwischen Wissenschaft und Praxis
- Ein Instrument zur Einordnung mikrobieller Überlebensphänomene unter Gebrauchsbedingungen
RCAU ist nicht
- Kein gesetzlicher Standard
- Keine Norm
- Kein Ersatz für VAH, KRINKO, RKI oder EN-Prüfungen
- Kein einfacher Produktvergleich
- Kein Marketing-Label für "besser" oder "schlechter"
Warum RCAU im Alltag relevant ist
RCAU verschiebt die Perspektive: weg von der isolierten Frage „Welcher Wirkstoff?" hin zur Frage „Funktioniert der Gesamtprozess unter realen Bedingungen?"
RCAU in einfacher Sprache
Ein Desinfektionsmittel kann im Labor sehr gut geprüft sein. Trotzdem kann die praktische Wirkung im Alltag leiden, wenn zu wenig Mittel verwendet wird, die Fläche nicht richtig benetzt wird oder die Einwirkzeit nicht eingehalten wird. RCAU hilft dabei zu verstehen, ob das Problem wirklich im Produkt liegt – oder ob der Fehler im Ablauf entstanden ist.
✅ Erwartbare Wirksamkeit
Produkt korrekt + Anwendung korrekt
⚠️ Risiko steigt
Produkt korrekt + Anwendung fehlerhaft
Warum RCAU für Hygienefachkräfte interessant ist
- RCAU unterstützt die strukturierte Bewertung mikrobieller Überlebensphänomene.
- MIC-Werte oder einzelne Überlebensnachweise allein reichen nicht aus, um praktische Relevanz zu behaupten.
- Relevant ist die reproduzierbare Prüfung unter empfohlenen Anwendungsbedingungen.
- RCAU kann helfen, Diskussionen um "Resistenz", "Toleranz" und "Adaptation" fachlich sauberer einzuordnen.
- Das Konzept eignet sich als Kommunikationsrahmen zwischen Hygiene, Klinik, Einkauf, Reinigung und Management.
Vom Wirkstoff zum System
Der eigentliche Paradigmenwechsel ist die Verschiebung vom isolierten Wirkstoffdenken zur System- und Prozessbetrachtung. Prozessqualität schlägt im Alltag oft die reine Stoffdiskussion.
Validierte Wirksamkeit
Kontextuelles Risikomanagement
Optimale Prozessqualität
Max. Patientensicherheit
Häufige Missverständnisse rund um RCAU
Bedeutet RCAU, dass Desinfektionsmittel generell unwirksam werden?
Nein. RCAU beschreibt keine allgemeine Unwirksamkeit, sondern ein differenziertes Bewertungskonzept. Unter korrekter Anwendung und empfohlenen Bedingungen zeigen validierte Wirkstoffe in der Regel keine kritischen RCAU-Befunde.
Bedeutet der Nachweis überlebender Keime automatisch ein Versagen?
Nein. Vereinzelte Überlebende können vorkommen, ohne dass ein reproduzierbarer Wirkverlust vorliegt. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen nicht-kritischem und kritischem RCAU.
Ist RCAU ein Produktkonzept?
Nein. RCAU ist ein wissenschaftliches Bewertungskonzept – kein Marketinginstrument. Es dient der systematischen Einordnung, nicht der Produktbewertung.
Was ist dann die wichtigste Konsequenz?
Der Fokus verschiebt sich vom reinen Wirkstoffdenken zur Betrachtung des Gesamtprozesses: Dosierung, Einwirkzeit, Textil, Schulung und Dokumentation bestimmen die reale Sicherheit.
Die Publikation hinter dem Konzept
Kramer A, Knobloch JK, Gebel J, Roesch KM, Ilschner C, Mutters NT, Exner M, Hornei B, Rausch M.
Replication capacity as a basis for assessing the sensitivity of micro-organisms to disinfectant agents.
Journal of Hospital Infection. 2026;170:139–151. doi: 10.1016/j.jhin.2026.01.008
Die Veröffentlichung dient auf dieser Plattform als zentraler wissenschaftlicher Impulsgeber für die Diskussion und praktische Einordnung des RCAU-Konzepts.
Von der Theorie in die Anwendung
RCAU ist der Ausgangspunkt für die strukturierte Betrachtung von Flächenhygiene in der Praxis. Daraus können Workshops, Diskussionen, Assessments und digitale Tools entstehen.
Wichtiger Hinweis: RCAU ist ein wissenschaftlich abgeleitetes Bewertungskonzept. Es ersetzt keine bestehenden Richtlinien, normativen Prüfverfahren oder gesetzlichen Anforderungen. Die Einordnung praktischer Relevanz erfolgt nicht durch bloße Einzelbefunde, sondern durch Bewertung unter empfohlenen Anwendungsbedingungen mit geeigneten quantitativen Testmethoden.